Küche mit hochgestelltem Backofen

Anti-Fingerprint-Beschichtung

22. April 2026

Lesezeit:

4–6 Minuten

Die neue Küche in edlem Graphit-Matt sieht fantastisch aus. Dann fallen die ersten Sonnenstrahlen auf die Oberfläche und jedes Anfassen hinterlässt einen sichtbaren Abdruck. In der Welt der Oberflächenveredelung war dies lange Zeit die größte Herausforderung. Hier setzt die Anti-Fingerabdruck-Technologie an und verhindert Fettflecken und sichtbare Fingerabdrücke. Die Funktionsweise erklären wir ausführlich.

Was keine sichtbaren Fingerabdrücke bedeuten

  • Pflegeleichtigkeit: Weniger Putzen bedeutet mehr Freude am Möbel. Die Oberflächen sind zudem resistenter gegen haushaltsübliche Reiniger.
  • Langlebigkeit: Unsere UV-gehärteten Anti-Fingerprint-Systeme sind extrem kratzfest. Schönheit, die bleibt.
  • Design-Freiheit: Endlich können wir dunkle, matte Farbtöne auch für grifflose Fronten nutzen, ohne dass der Kunde nach jedem Öffnen zum Putzlappen greifen muss.

Was steckt hinter der „Anti-Fingerprint“-Magie?

Entgegen der Vermutung ist Anti-Fingerprint keine einfache Beschichtung, sondern ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Chemie und Struktur. Fingerabdrücke werden vor allem dann sichtbar, wenn das natürliche Hautfett das Licht anders bricht als die restliche Oberfläche. Daher nutzen moderne Lacke, insbesondere zwei Strategien:

  1. Die Nanostruktur: Die Oberfläche wird so mikroskopisch fein strukturiert, dass die Kontaktfläche für den Finger minimal ist. Das Fett kann sich nicht in die Vertiefungen legen.
  2. Lichtstreuung: Durch extrem matte Oberflächen (oft unter 5 Glanzeinheiten) wird das einfallende Licht in alle Richtungen gestreut. Ein Abdruck hat schlichtweg keine Chance, als glänzender Fleck hervorzustechen.
Die Messung von Glanzeinheiten (GE oder englisch GU für Gloss Units) ist ein hochpräziser physikalischer Vorgang, bei dem gemessen wird, wie viel Licht eine Oberfläche wie ein Spiegel reflektiert.

1. Das Messprinzip: Das Reflektometer

Um den Glanzgrad objektiv zu bestimmen, wird ein Glanzgradmesser (Reflektometer) verwendet.

  • Das Gerät strahlt unter einem exakt definierten Winkel Licht auf die Oberfläche.
  • Ein Sensor auf der gegenüberliegenden Seite misst, wie viel von diesem Licht im gleichen Winkel wieder zurückgeworfen wird (Spiegelreflexion).
  • Das Ergebnis wird mit einem Standard verglichen (meist eine hochglanzpolierte, schwarze Glasplatte, die als 100 GE definiert ist).

2. Die entscheidenden Messwinkel

Da Licht auf unterschiedlichen Oberflächen verschieden reagiert, gibt es drei Standardwinkel nach DIN EN ISO 28131:

  • 20°-Winkel (Hochglanz): Wird für sehr glänzende Oberflächen genutzt. In diesem steilen Winkel lassen sich kleinste Unterschiede bei spiegelnden Lacken besser erkennen.
  • 60°-Winkel (Universal): Der Standardwinkel für fast alle Möbeloberflächen. Er ist der Referenzwert, um zu entscheiden, ob eine Oberfläche als matt, seidenglänzend oder glänzend eingestuft wird.
  • 85°-Winkel (Tiefmatt): Wird für extrem matte Oberflächen (wie eure Anti-Fingerprint-Lacke) verwendet. In diesem flachen Winkel lassen sich Glanzunterschiede im unteren Bereich präziser messen.

3. Die Einteilung der Glanzgrade

In der Holz- und Möbelindustrie werden meist folgende Einordnung (gemessen im 60°-Winkel) verwendet:

BezeichnungGlanzeinheiten (GE / GU)
Stumpfmatt / Tiefmatt< 5 GE
Matt6 – 15 GE
Seidenmatt16 – 30 GE
Seidenglänzend31 – 60 GE
Glänzend61 – 90 GE
Hochglänzend> 90 GE

Die technischen Herausforderungen einer AFP

Die Komplexität der Anti-Fingerprint-Veredelung liegt in der Beherrschung von Gegensätzen. Normalerweise gilt: Je matter eine Oberfläche, desto rauer ist sie mikroskopisch und desto empfindlicher ist sie für Schmutzhaftung.

Bei konventionellen Mattlackierungen wird dieser Effekt durch die Zugabe von Mattierungsmitteln wie Kieselsäuren erreicht. Diese Partikel ragen aus dem Lackfilm heraus und brechen das Licht. Allerdings setzen sich in den mikroskopisch kleinen Tälern zwischen diesen Partikeln Hautfette, Staub und Schmutz fest. Die Oberfläche wird „schreibempfindlich“ und lässt sich nur schwer reinigen.

Die Lösung: Gezielte Nanostrukturierung

Dieses Paradoxon wird durch den Einsatz moderner Excimer-Technologie (Matthärtung durch UV-Strahlung)2 oder spezieller Nanopartikel-Vernetzung begegnet3. Anstatt die Oberfläche einfach nur „aufzurauen“, erzeugen wir eine hochgeordnete, mikroskopische Wellenstruktur.

  • Lichtstreuung ohne Schmutzfallen: Diese Struktur ist so fein, dass sie das Licht zwar perfekt diffus streut (was den extremen Matt-Effekt erzeugt), aber gleichzeitig keine tiefen „Poren“ bietet, in denen sich Fett festsetzen könnte.
  • Minimierte Kontaktfläche: Durch diese spezielle Geometrie berührt die Fingerkuppe physisch nur noch die Spitzen der Oberflächenstruktur. Die tatsächliche Kontaktfläche zwischen Hautfett und Lack wird um bis zu 90 % reduziert. Wo kein Kontakt ist, kann auch kein Abdruck haften bleiben.

Die technologische Hürde in der Fertigung

Die Beherrschung dieser Gegensätze stellt eine instabile Gratwanderung dar. Wird die Energie bei der UV-Härtung nur minimal falsch dosiert, kippt das System:

  1. Ist die Energie zu niedrig, bleibt der Lack weich und verliert seine Beständigkeit.
  2. Ist sie zu hoch, „verfließt“ die Mikrostruktur, bevor sie fixiert ist, und die Oberfläche beginnt unerwünscht zu glänzen.

Diese Parameter müssen explizit kontrolliert werden, angefangen bei der Viskosität des Lacks bis zur Millisekunde der Bestrahlung. Erzeugt wird dabei eine Oberfläche, die physikalisch eigentlich einen Widerspruch darstellt: Extrem matt, aber gleichzeitig so glatt und dicht vernetzt, dass Schmutz keine Chance hat.

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Das Ergebnis ist der sogenannte „Easy-to-Clean“-Effekt. Die Oberfläche behält ihre edle Optik nicht trotz, sondern wegen ihrer technologisch hochkomplexen Struktur – ein Unterschied, den man nicht nur sieht, sondern bei jedem Griff spürt.

Die Haptik muss man fühlen, um es zu glauben

Technik ist das eine, aber bei Möbeln entscheidet das Gefühl. Die veredelten Oberflächen zeichnen sich durch den sogenannten „Soft-Touch-Effekt“ aus. Die Bauteile fühlen sich fast samtig oder wie eine weiche Haut an. Diese Kombination aus extremer Mattheit und einer warmen, seidigen Haptik macht den Unterschied zwischen einem Standard-Möbel und einem echten Premium-Produkt.

„Wir werden oft gefragt, ob wir den Anti-Fingerprint-Effekt auch für Hochglanzfronten anbieten. Hier bleiben wir ehrlich: Die Physik lässt sich nicht austricksen. Da der Effekt auf gezielter Lichtstreuung basiert, würde er den Glanz eliminieren.

Fazit: Die technologische Symbiose von Optik und Funktion

Die moderne Oberflächenveredelung hat sich von der rein dekorativen Gestaltung zu einer hochkomplexen Ingenieursleistung entwickelt. Im Zentrum steht dabei die Überwindung physikalischer Gegensätze: Eine Oberfläche soll optisch extrem matt und haptisch weich erscheinen, gleichzeitig aber eine mechanische Widerstandsfähigkeit und chemische Beständigkeit aufweisen, die früher nur glatten, harten Lacken vorbehalten war.

Quellen und weitere Infoirmationen
  1. Valspar. Technisches Informationsblatt: Glanzmessung. PDF ↩︎
  2. Hesse-Lignal.com: Erklärung der Excimer-Technologie ↩︎
  3. Wikipedia: Nanopartikel. Zugriff am 22. April 2026 ↩︎

Zusammenfassen mit:

Artikel von Alexander Reker

Alexander Reker ist der Kopf hinter den technischen Fachbeiträgen und strategischen Einblicken bei Reker. Mit einem fundierten Hintergrund als gelernter Tischler sowie der REFA-Laufbahn im Bereich Prozessoptimierung, Lean Management und Digitalisierung schlägt er die Brücke zwischen klassischem Handwerk und der digitalen Zukunft der Möbelfertigung.